Tag 2: Ein Auf und Ab

Tag 2: Ein Auf und Ab

Da die erste Stunde bombastisch lief, erwartete ich mir nicht allzu viel von der zweiten – meistens ist es doch ein Auf und Ab (dies trifft übrigens auch auf alle anderen Lebensbereiche zu 😉 ).

Die nächste Gruppe, bestehend aus zwei Schülerinnen, begann mit der Einführung ihres Teils des Lektionstextes. 

Die Semantisierungsphase

Die Semantisierung (Einführung der neuen Vokabeln) bildete den ersten Schritt der Textarbeit. Dazu hatten sich die beiden Schülerinnen unbekannte Wörter herausgesucht und auf Folie geschrieben. Zu jedem Wort hatten sie einen französischen Satz oder ein Bild vorbereitet, was an sich sehr vorbildlich ist, denn sie mussten nur in einem (!) Beispiel auf das Deutsche zurückgreifen. 

Aber…

… es gab zwei Probleme bei der Einführung. Zum einen hatten die beiden Mädchen viel zu viele Vokabeln herausgesucht, so dass ich sie nach dem zehnten Wort unterbrach. Ich forderte eine der beiden auf, die Klasse zu fragen, welche der ausgewählten fünfzehn Wörter nicht extra erklärt werden müssen. Gemeinsam beschlossen die Schüler, zehn Wörter zu streichen. Das hat mich doch etwas überrascht, denn sie wollten z.B. das Wort triste (=traurig) aus der Liste nehmen, weil ich es ihnen am Schuljahresanfang schon einmal kurz erklärt hatte ( Bonuspunkt für mich, denn sie hatten es sich anscheinend gemerkt.)

Das zweite Problem war, dass die eine Schülerin einen größeren Anteil der Moderation übernahm und die andere, sprachlich sehr gute Schülerin sich sehr schüchtern verhielt: So gab es immer wieder mal Verständigungsprobleme oder die Schülerin kam sprachlich nicht weiter. 

Die Texteinführung

Die Klasse wurde dazu aufgefordert, den Text in verschiedenen Rollen zu lesen. Fehler wurden sofort verbessert, wie auch schon beim ersten Mal. Anschließend wurden Fragen zum Text gestellt (nur zwei, was aber in Ordnung war aufgrund des Textinhaltes und der Qualität der Fragen) und diesen Mal sollten alle Schüler die Fragen und Antworten ins Heft mitschreiben.

Am Ende der Stunde schrieb ich die Hausaufgabe an die Tafel (Vokabeln lernen und den Text lesen).

Fazit:

Meines Erachtens nach war diese Stunde nicht besonders befriedigend und ich hatte zunächst Angst, sie würde auf die Schüler demotivierend wirken. Doch dies sollte sich am nächsten Tag (gottseidank) als falsch erweisen.

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Die erste Stunde – Von Null auf Hundert

Die erste Stunde – Von Null auf Hundert

Am Montag nach den Herbstferien (in einer Doppelstunde) wurde die Klasse darüber informiert, dass sich der Unterricht ab sofort komplett ändern sollte. Nach einer kurzen Info über die Unterrichtsmethode LdL waren die Schüler noch etwas skeptisch, aber auch neugierig. Bevor die Schüler Fragen stellen durften, wurde zunächst die Sitzordnung geändert ( U-Form).

1. Änderung der Sitzordnung

Der erste Versuch, die Tische umzustellen, war etwas chaotisch und zu laut. Als die U-Form stand, bat ich die Schüler, die Tische noch einmal zurückzuschieben und wir übten die Umstellung noch einmal. Beim zweiten Mal klappte es bereits viel besser, schneller und leise. Da das Klassenzimmer mit Einzeltischen ausgestattet ist, erleichtert dies das Verschieben der Tische. Auf die Frage einer Schülerin, wieso die Klasse jetzt in U-Form sitzen soll, antwortete ein anderer Schüler: „Damit wir uns ansehen können, wenn wir miteinander sprechen!“ Somit war dies geklärt.

2. Die Basics

Im nächsten Schritt teilte ich der Klasse ein Merkblatt mit wichtigen französischen Sätzen zur Unterrichtskommunikation und zur Gestaltung der verschiedenen Phasen aus (Répète, plus fort, c’est à toi….). Des weiteren wies ich die Schüler auf die „Regeln“ hin und beantwortete ich Fragen zu LdL.

Die Regeln:

Notengebung: Die Notengebung erfolgt wie bisher (Rechenschaftsablagen, Unterrichtsbeiträge, Exen und Schulaufgaben).

Die Stoffverteilung: Die gesamte Lektion wird in kleinen „Häppchen“ auf Zweier- und Dreiergruppen verteilt. Die Gruppen, die den Text einführen, müssen drei Fragen zu ihrem Textabschnitt erstellen und die unbekannten Wörter semantisieren. Dabei sind ihrer Kreativität keine Grenzen gesetzt. Die Schüler, die sich um die Grammatik kümmern, haben die Aufgabe, einen Hefteintrag zu erstellen.

Die Unterrichtssprache: Die Unterrichtssprache ist Französisch, dies gilt auch für die Semantisierung und für die Hefteinträge. Da wir bisher schon fast ausschließlich Französisch sprachen, ist dies keine allzu große Umstellung für die Schüler.

Vernetzung: Es sollen immer so viele Schüler wie möglich einbezogen werden. Die ganze Klasse soll aktiviert sein, niemand soll sich langweilen. Wer nicht weiter weiß, fragt seine Mitschüler usw.

3. Die Vorbereitung

Der Lektionsinhalt wurde auf die 26 Schüler in kleinen Gruppen verteilt. Die Gruppen mit dem Lektionstext wurden von mir mit Folien und Folienstiften ausgestattet. Während der Vorbereitungsphase beobachtete ich die Schüler und gab ihnen Hilfestellung, beispielsweise bei der Formulierung der Grammatikregeln auf Französisch. Dabei wies ich gleich darauf hin, dass die Schüler die Grammatik so einfach wie möglich und mit den Wörtern, die sie schon kennen, erklären sollen. Ich war positiv überrascht, wie konzentriert und motiviert die Schüler ihre Arbeitsaufträge umsetzten, die Ergebnisse konnten sich auf den ersten Blick durchaus sehen lassen. Ich war zunächst skeptisch, ob die Zeit wirklich langt, doch es hat problemlos funktioniert.

Die erste Stoffvermittlung

Ich spreche bewusst von Stoffvermittlungen und nicht von Präsentationen, da es bei LdL nicht darum geht, etwas zu präsentieren, bzw. darzubieten. Vielmehr geht es darum, dass sich die Schüler das neue Wissen zunächst selbst aneignen, um es dann als Moderatoren den Mitschülern weiterzuvermitteln. So lesen sie beispielsweise den Lektionstext ja nicht selbst vor, sondern lassen ihn von den anderen vorlesen.

Für dieses erste Mal habe ich zwei besonders gute Schülerinnen gewählt, um der Klasse die Möglichkeiten von LdL aufzuzeigen und sie so zu motivieren. Eine von ihnen ist im Unterricht besonders still, doch sie machte wider Erwarten den Anfang und begann selbstbewusst damit, die Leserollen auf ihre Mitschüler zu verteilen. Da es die erste Stoffvermittlung war, wollte ich mich noch zurückhalten und nur bei größeren Problemen einschreiten, die Schüler sollten im Anschluss selbst über eventuelle Fehler reflektieren. Danach erklärten die Schülerinnen die neuen Vokabeln, dabei fragten sie in die Runde: Qui sait le mot … Abschließend stellte die Gruppe drei Fragen zum Text. Ich hatte keine hohen Erwartungen an diese erste Phase gestellt, doch ich wurde überrascht, die Klasse hatte das Prinzip sofort verstanden! Hier ein paar „Beweise“ dafür:

– als eine Schülerin etwas zu leise sprach, wurde sie aufgefordert, lauter zu sprechen.

– als eine Schülerin ein Wort falsch aussprach, wurde sie verbessert und aufgefordert, den Satz noch einmal zu wiederholen.

– als eine Schülerin ein Wort nicht verstand, fragte sie die Klasse nach dessen Bedeutung.

– die Gruppe hatte die Fragen zum Text auf Folie vorbereitet und Zeilen aufgezeichnet. Doch anstatt die Lösungen selbst aufzuschreiben, ließen die beiden Mädchen ohne einen Hinweis von mir ihre Mitschüler einzeln nach vorne kommen, um die Sätze auf Folie zu schreiben! Als dabei ein Akzent übersehen wurde, fragte die moderierende Schülern in die Klasse und der Fehler wurde korrigiert.

Ich fragte die Schülerinnen, ob die Klasse die Sätze mitschreiben sollen, was diese verneinten. Natürlich langweilte sich der Rest der Klasse dann etwas, auch wenn sie sich sehr diszipliniert verhielt. Kurz vor Ende der Stunde reflektierten wir die Stoffvermittlung gemeinsam und ein Schüler kam von selbst darauf, dass es besser sei, wenn alle mitschreiben. Genau das wollte ich erreichen: Wieso ständig auf Fehler hinweisen, wenn die Schüler diese selbst erkennen können?

Fazit:

Das Feedback meiner Schüler und die tolle Umsetzung meiner Anweisung waren ein sehr motivierender Einstieg für die Klasse und auch für mich als Lehrerin. Ich habe mir vorgenommen, das Projekt ohne Erwartungen zu starten, doch selbst diese wären übertroffen worden. Mir ist gleichzeitig bewusst, dass dies morgen wieder ganz anders sein kann, aber dieses Erfolgserlebnis war durchaus wichtig für uns.